Promotion für Praktiker: Die WELT berichtet über Möglichkeiten der Promotion für FH-Absolventen

Um seinen Mist muss sich Cornelius Uhl selbst kümmern. Anhängerweise karren der Doktorand und sein Team die Pferdeäpfel vom nahe gelegenen Reiterhof zur Versuchsanlage. An ihr hat Uhl zwölf Monate lang getüftelt. Sie soll den Dung trocknen und daraus Mistpellets machen. Etwa zehn Tonnen schaufeln die Forscher pro Jahr in die Maschine. Für seine Dissertation an der Technischen Universität München (TUM) erforscht der 31-jährige FH-Absolvent, ob Pferdeäpfel als ökologischer Brennstoff in Biomassekraftwerken eingesetzt werden können. Dass Cornelius Uhl heute Doktorand sein kann, ist nicht selbstverständlich: Um promovieren zu können, brauchen Fachhochschüler einen Doktorvater an der Universität. Denn bislang haben in Deutschland ausschließlich Unis das Recht, einen Doktortitel zu verleihen.

Doch nicht selten hegen sie Vorbehalte gegen den anwendungsorientiert ausgebildeten Akademikernachwuchs von der Fachhochschule. Eine Herausforderung für dissertationswillige FH-Absolventen. Cornelius Uhl hatte sich darüber lange Zeit keine Gedanken gemacht. „Ich bin praktisch veranlagt, Tüfteln und Schrauben machen mir Spaß“, sagt Uhl, der auf einem Bauernhof im Schwarzwald aufgewachsen ist. Ein Doktortitel war kein Thema für ihn, wichtiger als akademische Weihen war ihm stets der Praxisbezug seiner Ausbildung. Nach der Realschule absolvierte er deshalb zunächst eine Lehre im Sägewerk. Erst nach zwei Jahren im Job holte er sein Fachabitur nach und qualifizierte sich so für ein FH-Studium im technischen Bereich. 2007 schrieb sich Uhl an der Hochschule Rosenheim im Studiengang Holztechnik ein. „Ursprünglich hatte ich vor, später Maschinen für Sägewerke zu bauen“, sagt er. Doch letztlich wollte er mit dem Studium auch seine beruflichen Möglichkeiten erweitern. Um sich auch für Jobs außerhalb der konjunkturanfälligen Holzbranche zu qualifizieren, stieg er nach vier Semestern auf Produktionstechnik um und schloss 2012 mit der Note „Gut“ ab. An dieser Stelle hätte der junge Diplom-Ingenieur sich einen Job suchen können – so wie die meisten deutschen FH Absolventen. Von bundesweit rund 27.000 Promotionen pro Jahr entfallen nur ein Prozent auf ehemalige Fachhochschüler. Und das, obwohl mittlerweile rund jeder dritte deutsche Nachwuchsakademiker an einer FH studiert. Uhl aber hat den Sprung von dort in Richtung Promotion gewagt.

Rein formal stehen die Unis promotionswilligen FH-Absolventen mit einem guten Masterabschluss offen. So schreiben es die Landeshochschulgesetze vor. „Praktisch bauen viele Professoren jedoch hohe Hürden auf“, sagt Anna Tschaut vom Doktoranden-Netzwerk Thesis. Denn bei der konkreten Ausgestaltung ihrer Promotionsordnungen hätten die Fakultäten weitestgehend freie Hand. Die nutzen leider viele, um von FH-Bewerbern besondere Leistungsnachweise oder zeitaufwendige zusätzliche Qualifizierungsmaßnahmen zu fordern.

Wer sich bewusst für ein anwendungsbezogenes FH-Studium entscheidet, braucht für den Doktortitel nicht nur sehr gute Noten, sondern Durchhaltevermögen und Glück. So wie Manuel Ortmann: „Dass ich mal promovieren würde, erschien mir nach dem Bachelor eher unrealistisch“, sagt der Wirtschaftsjurist. Für seinen Master of Laws (LL.M.) blieb er an der Hochschule Osnabrück, denn Stadt und Studium gefielen ihm gut. Im Masterstudium fiel der begabte Student einem Professor auf, der ihn gezielt zur Promotion ermutigte. Schon während des Studiums hatte Ortmann in einem interdisziplinären Forschungszentrum zum Thema Energierecht geforscht – ein innovatives Thema, das viel Stoff für eine Doktorarbeit bot. Doch beim Versuch, als FH-Absolvent an einer juristischen Fakultät angenommen zu werden, wurde Ortmanns Frustrationstoleranz kräftig auf die Probe gestellt. In Göttingen signalisierte man seinem Zulassungsantrag Ende 2013 zwar Aussicht auf Erfolg, allerdings musste er zunächst eine sehr anspruchsvolle Prüfung ablegen. Obwohl er seine erste Uniprüfung auf Anhieb als Fünftbester von mehr als 150 Studenten bestand, wäre seine Zulassung trotzdem beinahe an formalen Kriterien gescheitert. Monatelang hing Ortmann in der Luft, bevor diese Hürden beseitigt waren und er zu einer weiteren vom Fakultätsrat geforderten Prüfung antreten konnte. Im November 2014 wurde er schließlich als erster Fachhochschulabsolvent an der juristischen Fakultät der Universität Göttingen angenommen. Sein Fazit: „Ich hatte das große Glück, dass die Hochschule Osnabrück mein Promotionsstipendium die gesamte Wartezeit über bereits ausgezahlt hat. Ohne Finanzierung hätte ich keine elf Monate überbrücken können.“

Die Thesis-Vorsitzende Anna Tschaut hält die prinzipielle Diskriminierung von FH-Absolventen für nicht gerechtfertigt: „Mit dem Masterabschluss ist ein Ausbildungsniveau erreicht, das grundsätzlich für anspruchsvolles wissenschaftliches Arbeiten qualifiziert“, sagt sie. Auch der Hochschullehrerbund hlb, in dem rund 6.000 FH-Profs organisiert sind, verwahrt sich dagegen, dass FH-Absolventen per se weniger zum Forschen befähigt sein sollen als ihre Kommilitonen von der Universität. Der Berufsverband wünscht sich deshalb schon länger ein eigenständiges Promotionsrecht an den Hochschulen für angewandte Wissenschaften, wie sich die Fachhochschulen heute selbstbewusst nennen. Doch bisher haben nur die Landesregierungen von Baden-Württemberg, Hessen und Schleswig-Holstein ein gewisses Entgegenkommen signalisiert und könnten sich vorstellen, künftig beispielsweise auch Hochschul-Verbünden oder Professorenteams aus forschungsstarken FHs zu erlauben, eigenständig Doktoranden zu betreuen. Ob und wann tatsächlich die ersten reinen FH-Doktoranden an den Start gehen, ist jedoch noch ungewiss. Bis dahin sind FH-Studenten mit Interesse an einem Doktortitel gut beraten, sich frühzeitig mit den Promotionsordnungen ihrer Wunschfakultäten auseinanderzusetzen und ihre Chancen auszuloten. Dabei helfen Internetplattformen wie promotion-fh.de. Unter dieser Adresse hat die Hochschule Neu-Ulm rund 1.000 Promotionsordnungen in einer Datenbank zusammengetragen.

Thesis-Vorstand Anna Tschaut rät Promotionswilligen zudem, frühzeitig Kontakte zu Universitätsprofessoren aufzubauen, beispielsweise auf Konferenzen und Hochschulveranstaltungen oder im Rahmen hochschulübergreifender Forschungsprojekte. So steigen ihre Chancen, später an der Universität einen Erstgutachter für eine sogenannte kooperative Promotion zu finden.

Dieses Modell hat auch Cornelius Uhl gewählt. Seine Dissertation wird von einem Professorentandem betreut. In der täglichen Forschungsarbeit unterstützt ihn sein FH-Prof. Der Kollege von der Universität überprüft in regelmäßigen Abständen den Fortschritt der Arbeit und fungiert als Erstgutachter. Den Doktortitel verleiht am Ende die TU München. Hier kann Uhl alle Angebote für Doktoranden nutzen, beispielsweise spezielle Weiterbildungs- und Netzwerkveranstaltungen oder die Bibliothek. Bei der Suche nach einem Doktorvater hatte Uhl Glück – mit seinem hochaktuellen und technisch aufwendigen Forschungsprojekt stieß er bei der Universität schnell auf Interesse. Die Idee zu den Mistpellets kam ihm ursprünglich während eines Wahlpflichtkurses zum Thema Unternehmensgründung: „Viele Reiterhöfe haben ein echtes Entsorgungsproblem“, sagt der Sohn eines Pferdezüchters. Denn Pferdemist ist oft mit Medikamenten belastet und außerdem durchsetzt mit staubiger oder schwer verrottender Einstreu. Als Dünger für Äcker oder Koppeln ist er deshalb ungeeignet.

Der Plan, daraus Biomassepellets für Stromkraftwerke herzustellen, überzeugte die anwesenden Risikokapitalgeber, die die Gründungsvorhaben der Studenten bewerten sollten. Sie ermunterten Uhl, eine Testanlage zu bauen. Der widmete dem Thema zunächst seine Abschussarbeit.

Unterstützt von seinem Professor warb er anschließend Fördermittel ein und gewann zwei private Unternehmen als Sponsoren zum Bau der Trocknungsanlage. Dort erforscht Cornelius Uhl jetzt, wie sich die Qualität der Pellets verbessern lässt und ob damit eine wirtschaftliche Stromproduktion möglich ist. Ehe er sich versah, war der Diplom-Ingenieur nun doch zum Forscher geworden: „Nicht im Elfenbeinturm sondern sehr konkret und anwendungsorientiert, so wie ich es mag“, sagt er. Es lag deshalb auf der Hand, seine beruflichen Möglichkeiten einmal mehr zu erweitern und das bereits begonnene Forschungsprojekt zur Doktorarbeit auszubauen. An der Munich School of Engineering (MSE), die seine Dissertation betreut, weiß man seine praktischen Fertigkeiten zu schätzen. Die ingenieurwissenschaftliche Forschung sei zunehmend auf Teams angewiesen, die das gesamte Spektrum von handwerklich-experimentellen bis theoretisch-methodischen Kompetenzen abbilden, heißt es dort. Seit 2013 schreibt die MSE deshalb jährlich zehn Promotionsstipendien für junge Forschungstalente von den regionalen Fachhochschulen aus, eines der ersten hat sich Cornelius Uhl gesichert.

Ähnliche Programme gibt es auch an anderen Universitäten, in der Regel zielen sie auf junge Ingenieure oder Informatiker, die unmittelbar nach dem Studium promovieren möchten. Wer dagegen als Führungskraft schon viele Jahre erfolgreich im Berufsleben steht, findet nur selten an die Universität zurück.

„Für eine Promotion den Job aufzugeben, kam für mich überhaupt nicht infrage“, sagt Denise Schönfeld. Die 34-jährige Betriebswirtin arbeitet bei Metro Properties, dem Immobilienunternehmen der Metro Group. Seit Oktober 2014 verantwortet sie dort die Abteilung Strategie und Marktbeobachtung. Beruflich hatte sie zwar schon einiges erreicht, doch: „Als junge Frau in einer recht konservativen Branche wollte ich gerne noch ein Sahnehäubchen draufsetzen“, sagt sie. Seit knapp einem Jahr schmückt nun ein Doktortitel ihre Visitenkarte. Erworben hat die Managerin ihren Doctor of Business Administration DBA in einem berufsbegleitenden Promotionsprogramm der Fachhochschule des Mittelstands (FHM). Seit 2010 bietet die private Hochschule den DBA an, die ersten Doktoranden, darunter Denise Schönfeld, sind im Frühjahr 2014 fertig geworden. In Großbritannien oder den USA ist der DBA als praxisorientierte Alternative zum klassischen PhD fest etabliert, in Deutschland bieten jedoch erst wenige Hochschulen den DBA in Kooperation mit britischen Partner-Universitäten an.

„Wir haben das Programm entwickelt, um exzellenten Nachwuchskräften von den FHs und speziell natürlich unseren eigenen Top-Absolventen eine Promotion zu ermöglichen“, sagt Studienleiter Professor Volker Wittberg. Bewerben können sich berufserfahrene Manager mit einer interessanten Promotionsidee. Im Rahmen von berufsbegleitenden Seminaren werden sie zunächst rund eineinhalb Jahre auf das wissenschaftliche Arbeiten vorbereitet und entwickeln gemeinsam mit ihren Betreuern die konkrete Themenstellung für ihre Dissertation. An dieser arbeiten sie dann ein bis zwei Jahre. Denise Schönfeld hat über die Risikokultur in Immobilienunternehmen promoviert und dazu eine aufwendige Mitarbeiterbefragung durchgeführt. Während der Promotion führte ihr Vollzeitjob sie ein halbes Jahr lang nach Singapur. Insgesamt eine enorme Belastung wie sie einräumt. Dafür ist sie heute stolz auf ihren Titel, den Kunden und Geschäftspartner respektieren. „Es war eine echte Herausforderung sich jahrelang so intensiv mit ein und demselben Thema zu befassen“, sagt Denise Schönfeld, doch: „Man profitiert viel länger, als man leidet.“

Text: Kristin von Elm

Erschienen am 11.04.2015 in der WELT und am 12.04.2015 in der WELT am Sonntag. Zum Original-Artikel bitte hier klicken: http://www.welt.de/print/die_welt/article139401467/Promotion-fuer-Praktiker.html

Dr. Denise Schönfeld, erfolgreiche DBA-Absolventin an der Fachhochschule des Mittelstands (FHM)